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Quelle:  Eppsteiner Zeitung vom 30.08.2017

Immer montags: Spielen, nähen, helfen

Mit Hilfe von Elfie Helmling und Gisela Kümmerle nähten die Besucherinnen des Montagstreffs kleine Taschen. Foto: Beate Palmert-Adorff

Der erste Montagstreff des Asylkreises übertraf die Erwartungen der sechs Intiatiorinnen. Hannah Fritsch, Elfie Helmling, Gisela Kümmerle, Mia Mensing, Hilde Picard und Elisabeth Rake vom Asylkreis hatten die Idee für einen offenen Treffpunkt mit verschiedenen Angeboten.

Bei der Stadt trafen sie damit auf offene Ohren. Ein geeigneter Platz war in den Räumen des Mädchencafés schnell gefunden. Erste Stadträtin Sabine Bergold, die als Sozialdezernentin für die Flüchtlingshilfe zuständig ist, sagte, sie habe sich besonders gefreut, dass auch die Mächen, die sich montagnachittags im Café treffen, sofort bereit waren, ihre Räume den Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen.

So spielte eine Gruppe, meist junge Männer, im Wohnzimmer des Cafés einige Partien Mensch-ärgere-dich-nicht, im Nebenraum waren die beiden Nähmaschinen dicht umdrängt von Frauen, die kleine Handy-Taschen nähten und Ideen für größere Projekte dabei hatten. Elfie Helmling erklärte den Nähanfängerinnen geduldig die Technik der Maschinen. Zunächst standen gerade Nähte auf dem Programm. „Später nähen wir vielleicht hübsche Dinge, die wir auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen können“, hat sie schon Ideen für kommende Treffs.

In der Küche standen frischer Pflaumenkuchen und Sahne für die Besucher bereit. Dort wolle die Gruppe demnächst auch kochen, sagt Helmling.

Im dritten Raum des Mädchencafés bieten die ehrenamtlichen Helfer Beratung für Flüchtlinge an. Zum Beispiel beim Schreiben von Bewerbungen oder bei der Suche nach Job-Angeboten. Filme und Gesprächsrunden sind weitere Ideen, die die Helfer in dem neuen Treff anbieten wollen. „Denn bei allem, was wir den Flüchtlingen anbieten, geht es auch immer um das Üben der Sprache und das Textverständnis“, sagen die Frauen.

„Der Montagstreff ist ein offener Treff“, betonen die Initiatorinnen und hoffen, „dass er ein Begegnungsort für Menschen aus allen Stadtteilen wird“.bpa

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Neue Fahrradwerkstatt des Asylkreises

In der Fahrradwerkstatt können Asylbewerber ihre Fahrräder flott machen.

Bodo Mensing (Mitte) unterstützt sie mit weiteren Helfern des Asylkreises dabei. Foto: privat

Vergangene Woche eröffnete die Fahrradwerkstatt des Asylkreises Eppstein im Hinterhof der Hauptstraße 61 in Vockenhausen. Familie Lepp hat einen Raum in einem alten Gebäude zur Verfügung gestellt, der nun vom Asylkreis genutzt wird. Stefan Lepp unterstützt tatkräftig die Aktiven des Asylkreises Frank Burmeister, Bodo Mensing und Volker Pottmann, die bisher für Fahrräder und deren Reparatur verantwortlich waren.

Den Anstoß zu der Werkstatt gab im September 2016 ein Gespräch zwischen Stefan Lepp und Volker Pottmann, als sie sich während des Sommerfestes der Gemeinschaftsunterkunft über dem Rewe-Markt in der Hauptstraße trafen.

Gut ein Dutzend Asylbewerber haben die Chance des ersten Werkstatttages genutzt und waren da, mit und ohne Rad. Einer kam wegen der Blessuren des Fußballspiels am Vortag sogar mit Krücken, weil er nicht fehlen wollte. Viele kamen aus Neugier, aber auch einige mit technischen Problemen. Sechs Fahrräder wurden instand gesetzt, unter den Augen von etwa 15 Deutschen, Aktiven des Asylkreises oder einfach nur interessierten Besuchern. Alle haben den selbst gebackenen Kuchen von Lilli Lepp genossen und auch den einen oder anderen Kaffee oder Tee dazu getrunken.

Nebenbei haben die Aktiven die Werkstatt eingeräumt, Ersatzteile sortiert und Werkzeug ausgegeben. Zwei intakte Räder nahmen sie in Empfang, die ein engagierter älterer Herr aus Niedernhausen spontan vorbeibrachte. Asylbewerber, aber auch anerkannte Flüchtlinge, die in Eppstein wohnen, können jeden Montag von 16 bis 18 Uhr in der Werkstatt ihre Räder reparieren oder technische Hilfe bekommen. Räder anderer Bürger wollen die Ehrenamtler nicht instand setzen, um den örtlichen Fachwerkstätten oder dem Repair Café keine Konkurrenz zu machen.

Das Funktionieren der Werkstatt ist auch von Spenden abhängig, sei es in Form von ganzen Rädern, Ersatzteilen oder auch Werkzeugen. Volker Pottmann vom Asylkreis ist der Ansprechpartner: E-Mail vpottmann@t-online.de, Telefon 34 97 02.


Den ersten Schnee in Eppstein zu Beginn des neuen Jahres haben sie begeistert begrüßt.  Dieter Neuhaus


Heute hilft Mare anderen Flüchtlingen bei der Integration

Vater Fadi Aldheim, Sohn Roge, Mutter Mare Rooz Alsamara und Tochter Anita hoffen auf eine friedliche Zukunft.   Foto: Beate Palmert-Adorff

Hilde Picard und Dieter Neuhaus sind zwei ehrenamtliche Helfer des Asylkreises. Sie berichten in der Eppsteiner Zeitung über das Schicksal von Flüchtlingen.

Während sie anfangs mit ihnen vor allem über die schrecklichen Erlebnisse auf der Flucht sprachen, legen viele Migranten jetzt selbst den Schwerpunkt auf Schwierigkeiten und Erfolge bei der Bewältigung ihres Alltags.

Das aus Syrien stammende Ehepaar Mare Rooz Alsamara und Fadi Aldheim begrüßte die beiden Helfer an einem feucht-kalten Wintermorgen mit heißem Tee. Die beiden Asylkreismitglieder besuchen die Familie in ihrer Wohnung in Vockenhausen. Sie wollen wissen, wie ihre Integration gelingt. Die vierjährige Tochter Anita ist von ihrem Vater schon zum nahe gelegenen Kindergarten begleitet worden. Die beiden Jungen George (12 Jahre) und Roge (9 Jahre) laufen längst selbstständig zur Freiherr-vom-Stein- und zur Burg-Schule.

Sie freuen sich auf den Unterricht, an dem sie sich nach anfänglichen Schwierigkeiten rege beteiligen. Sie haben schon gute Zeugnisse nach Hause gebracht. Die Deutschkenntnisse der beiden sind beeindruckend. Nach einer Stunde muss Mutter Mare sich verabschieden: Seit einigen Tagen arbeitet sie in der Mittagsbetreuung an der Freiherr-vom-Stein-Schule. Sie freute sich über das Angebot, in der Schule zu helfen. In ihrer syrischen Heimat hatte sie bis 2006 als Lehrerin gearbeitet. Sie hofft, dass ihr in Syrien erworbener Abschluss als Chemikerin in Deutschland anerkannt wird, und sie in Eppstein Arbeit findet.

Bis dahin hilft sie in der Flüchtlingsunterkunft in Vockenhausen ihren syrischen Landsleuten, sich in Deutschland zurecht zu finden. Die Rolle als Integrationshelferin füllt sie gerne und mit viel Engagement aus. Ihr Ehemann Fadi hat sich ebenfalls sehr intensiv um Arbeit bemüht: Er ist Automechatroniker und hatte sich in Syrien eine Autowerkstatt aufgebaut, in der er vor Ausbruch des Krieges bis zu 14 Mitarbeiter beschäftigte. Der Krieg machte alle Hoffnungen auf ein friedliches Leben in Syrien zunichte.

Die schrecklichen Zerstörungen, die vielen Bomben, die Toten aus ihrem Stadtteil und die Zerstörung ihres Besitzes waren der Grund für die gefährliche Flucht aus Syrien. Sie wollten vor allem ihre Kinder in Sicherheit bringen. Vater Fadi floh zunächst alleine mit dem Auto in den Libanon. Von dort flog er in die Türkei und setzte nachts mit einem überfüllten Schlauchboot auf die griechische Insel Kos über. Von Athen nach Berlin reiste Fadi mit dem Flugzeug. So blieb ihm der Weg über die Balkanroute erspart. Am 4. September 2014 wurde er in Berlin einer Flüchtlingsunterkunft zugewiesen. In Berlin stellte er seinen Asylantrag, der nach drei Monaten positiv entschieden wurde, und zog im April 2015 nach Eppstein, wo er eine Wohnung gefunden hatte. Seine Frau Mare mit den drei Kindern konnte im gleichen Monat von Beirut ein Flugzeug nehmen und nachkommen.

Fadi will im neuen Jahr eine Stelle als Automechatroniker in Obernburg am Main antreten, nachdem mehrere Versuche, in der Region eine passende Stelle zu finden, gescheitert waren. Auf den neuen Chef lässt Fadi nichts kommen: „Guter Chef“. Ein freiwilliges Praktikum im vorigen Sommer bei einem Hofheimer Autohaus hat Fadi auf seine neue Tätigkeit vorbereitet. Die recht große Entfernung zwischen Eppstein und Obernburg am Main schreckt Fadi nicht. Er will die Strecke mit einem Auto zurücklegen, das er gebraucht erworben und eigenhändig instand gesetzt hat.

Fadi packt gern mit an: Ob es sich um Hilfe im Garten handelt oder um Holzhacken bei Nachbarn, die dies aus Altersgründen nicht mehr können. Das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Für die sprachbegabte Mare steht die Sicherheit und das Wohl ihrer drei Kinder an erster Stelle. Mare und Fadi haben in Eppstein viel Eigeninitiative gezeigt. Sie wollten nichts geschenkt bekommen, sondern sich selbst kümmern. Den Kontakt zu den Menschen, die ihnen Hilfe und Unterstützung angeboten haben, halten sie aufrecht. Das sind bis heute Mitglieder des Asylkreises Eppstein und aus den Kirchengemeinden.

Als gläubige Christen besuchen die vier regelmäßig den Gottesdienst in Eppstein. Auch dort haben sie Freunde und Unterstützer gefunden. Die Söhne George und Roge spielen Fußball und Handball. Auch der Musikunterricht (Klavier und Gitarre) an der Musikschule trägt zur Integration bei. Für die finanzielle Unterstützung durch die Kirche sind die Eltern sehr dankbar, denn die Kosten des Musikunterrichts könnten sie nicht alleine tragen.

Mare und Fadi wünschen sich nichts sehnlicher als das Ende des schrecklichen Kriegs in Syrien. Sie wissen aber auch, dass die Chancen dafür sehr gering sind. Jeden Tag sehen sie die Nachrichten und Bilder vom Krieg. Inzwischen plagen sie, wie Mare sagt, keine Albträume mehr. Dazu hat wohl auch beigetragen, dass sie in Eppstein keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht hat.

Die Eigeninitiative hat der Familie das „Ankommen“ in Eppstein sehr erleichtert. Sie würden gern noch mehr deutsche und syrische Freunde gewinnen. Zum Beispiel für gemeinsame Ausflüge. Bisher ist die Familie kaum über Eppstein und Hofheim hinausgekommen. Sie waren noch nicht in Mainz, Wiesbaden und im Rheingau. Wenn Fadi endlich die Möglichkeit hat, Auto zu fahren, will die Familie die neue Umgebung zusammen mit deutschen Freunden erkunden.

Den ersten Schnee in Eppstein zu Beginn des neuen Jahres haben sie begeistert begrüßt.  Dieter Neuhaus

 



Drei Schülerinnen der Kelkheimer Eichendorff-Schule überreichen Vertretern des Asylkreises die stattliche Spende von 2859,27 Euro.   Foto: privat

Mit einer solchen Resonanz auf ihr Konzept für ein Kochbuch mit Flüchtlingsgeschichten hat die Schülerfirma „recigees“

der Kelkheimer Eichendorff-Schule nicht gerechnet: Die Vorsitzende Simone Kuhn überreichte am Freitag den beiden Gründern des Eppsteiner Asylkreises, Hilde Picard und Dieter Neuhaus, einen Scheck über 2859 Euro – die Einnahmen aus ihrem Buch „Grenzenlos“. Die Schüler verbanden in dem Buch die oft dramatischen und bewegenden Fluchtgeschichten mit Informationen über die Herkunftsländer der Flüchtlinge und einem typischen Rezept aus ihrer Heimat. Großen Anteil an dem Erfolg hatte die Eppsteinerin Gisela Rasper.

Die ehemalige Vorsitzende des Hausfrauenverbands hat als Mitglied im Eppsteiner Asylkreis Fluchtgeschichten und Rezepte zusammengefasst und war, so ein Zitat aus dem Buch, „die mit Abstand engagierteste Helferin“. Deshalb hatten die Anteilseigner der Firma beschlosssen, dass der gesamte Überschuss, nach Abzug der Aktienanteile, dem Asylkreis gespendet werden sollte, da die meisten Kapitel aus Eppstein stammten.

Auch Samuel und Ataklti, zwei Flüchtlinge aus Eritrea, nahmen an der Scheckübergabe teil. Ihr Schicksal, so Neuhaus, sei eng verbunden mit der Gründung des Asylkreises: Samuel lebte einige Monate im Kirchenasyl der Talkirchengemeinde und wurde vom Asylkreis unterstützt.


Vor wenigen Monaten erst wurde die Flüchtlingsunterkunft im Nassauer Hof bezogen.

Schimmel und Pilze in der Küche

Bei genauerer Überprüfung der Schäden in der Unterkunft im Nassauer Hof stellten die Mitarbeiter des Kreises fest, dass Wände und Fußböden vom Dach bis zum Erdgeschoss feucht sind. Ein Aufenthaltsraum und die Küche sind von Schimmel und Pilzen befallen.

Der Kreis hatte die Unterkunft erst im Frühjahr gemietet. Wie lange die Sanierung dauert, sei noch nicht abzusehen, hieß es am Dienstag. Die Mietzahlungen hat der Kreis jedoch bis auf weiteres eingestellt. Die MTK-Mitarbeiter organisieren jetzt den Umzug. In welche Unterkünfte die Flüchtlinge verlegt werden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

In diesem Quartal muss der Kreis wöchentlich rund 20 Flüchtlinge unterbringen, vor einem Jahr waren es im gleichen Zeitraum sechsmal so viele Menschen. Trotzdem, so der Kreisbeigeordnete Johannes Baron, kommen immer noch Flüchtlinge an und müssen versorgt werden. Zu den rund 2800 Flüchtlingen, die der Kreis in diesem Jahr aufgenommen hat, kommen noch rund 270 unbegleitete minderjährige Ausländer, die vom Jugendamt betreut werden.

Besonders viele Flüchtlinge, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, haben bislang Liederbach, Hattersheim und Eppstein aufgenommen, besonders wenige Hochheim, Hofheim und Kelkheim. Wegen der stark gesunkenen Flüchtlingszahlen hat der MTK einige Bauvorhaben gestoppt. Die Herausforderungen, so Baron, seien immer noch groß. Menschen, die eine gute Bleibeperspektive haben, müssen zügig Deutsch lernen, Eine Wohnung finden und schließlich auch einen Arbeitsplatz.

Dafür gibt es vom Kreis finanzierte Sprach- und Integrationskurse für Flüchtlinge. Wohnung und Arbeitsplätze sind Aufgaben von Kommunen und Wirtschaft. bpa


Quelle: Eppsteiner Zeitung vom 11.12.2014

begegnungsfestEinheimische und internationale Gäste feierten gemeinsam am Nikolausabend in Emmaus.

Ein starkes Zeichen der Gastfreundschaft gaben am Nikolausabend, Freitag voriger Woche, die Eppsteiner und unter ihnen vor allem die Bremthaler Bürgerinnen und Bürger. Beim Begegnungsfest für Eppsteiner und die Menschen aus den Flüchtlingsunterkünften in Bremthal drängten sich die Besucher im Emmaus-Gemeindehaus und lauschten aufmerksam den Begrüßungsworten von Initiator Kamal Ibrahim und Pfarrer Moritz Mittag, die in deutscher, englischer und arabischer Sprache gehalten wurden.

Der gebürtige Ägypter lebt seit 24 Jahren in Deutschland – „die Hälfte meines Lebens“ – und erinnert sich noch gut, wie viel Hilfsbereitschaft ihm zu Beginn das Leben in der fremden Kultur erleichtert haben. „Selbstverständlich“ war das häufigste Wort, das er von seinen Mitmenschen gehört habe, erzählte er. Und auch im Asylkreis, der in diesem Jahr von vielen engagierten Menschen in Eppstein gegründet wurde, sei die Selbstverständlichkeit der Hilfsbereitschaft das schönste Gefühl, stellte Ibrahim fest und habe ihn zu diesem Begegnungsfest als Dankeschön für Helfer, Freunde und die neuen Mitbewohner bewogen.

„Selbstverständlich“ übernahmen Nicola Riedel aus Vockenhausen und ihre musikalischen Kinder Miriam und Nicholas sowie Sophie Schmidt den musikalischen Part und beeindruckten die Gäste mit klassischer Klavier- und Cellomusik, begleiteten Weihnachtslieder und eine Improvisation, gemeinsam mit Ibrahim, der auf seiner Trommel den treibenden Takt zu einer „Reise ins Ungewisse und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft“ vorgab.
Landrat Michael Cyriax nutzte die Gelegenheit, sich bei den Bremthalern zu bedanken: „Ich bin dankbar, dass Sie uns in unseren Bemühungen unterstützen, Flüchtlinge unterzubringen, dass Sie mit anpacken, hier zusammen sitzen, sich Nachbarschaft erarbeiten und pflegen.“

Für viele Helfer des Asylkreises sei die Erinnerung an die Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg oder gar die eigene Fluchterfahrung, Motivation zu helfen, schilderte Hilde Picard. Sie habe in der Begegnung mit den Menschen aus Afrika viel Gastfreundschaft erfahren: „Wer die Schwelle eines Wohnheims überschreitet, wird mit einem traditionell zubereiteten Kaffee bewirtet, eine Zeremonie und ein Geschmack, die Sie selbst erleben sollten“, ermunterte Picard dazu, eigene Erfahrungen zu machen. „Die orientalische Gastfreundschaft schenkt uns Zeit, man kommt zur Ruhe – wir können davon lernen,“ ist Picard überzeugt. Sie weiß aber auch, dass die Flüchtlinge ihre Dankbarkeit für die erfahrenen Hilfen gerne zurückgeben möchten und Arbeit suchen, sich im Garten oder Haushalt nützlich machen möchten. Leider fänden sie nur selten Gelegenheit dazu.

Nach den Reden und dem Singen von Weihnachtsliedern genossen die Gäste das üppige Buffet, für das viele Besucher Speisen mitgebracht hatten. Bunt gemischt saßen Einheimische und internationale Gäste an den Tischen in Emmaus, kamen ins Gespräch miteinander und halfen am Ende gemeinsam, die Spuren zu beseitigen.

Der Abend war für einige der Flüchtlinge auch Thema im neuen Deutschkurs, den sie seit einigen Wochen bei der Volkshochschule in Hofheim besuchen. Mit ihren geringen Deutschkenntnissen und auf Englisch drückten sie ihr Erstaunen und ihre Dankbarkeit aus. „Die Menschen sind sehr nett, sie bringen uns Achtung entgegen,“ sagte Michael (42) aus Eritrea. Das habe sie alle erstaunt und erfülle sie mit Dankbarkeit. Das gleiche Brot zu teilen, bedeute in seinem Land eine große Wertschätzung, erzählt Michael. „Wir kannten kaum jemanden und haben uns doch wie in einer Familie gefühlt,“ sagte er gerührt.
Johannes (44) aus Äthiopien will vor allem von den Menschen in Deutschand lernen: „In meinem Land ist die Demokratie nur Theorie. Es herrscht Angst vor Willkür, Mord und Gefängnis. Das ist hier anders.“ Der Eritreer Ataklti (28) saß jahrelang im Gefängnis, weil er sich gegen die Regierung gestellt habe. Er wünscht sich, in Deutschland eine Berufsausbildung zu machen.

Beeindruckt sind alle vom modernen, pünktlichen Bahnsystem, dass Autofahrer respektvoll zu Fußgängern und Fahrradfahrern seien und von der Fülle der Waren in den Supermärkten. Verblüfft stellten sie fest: „Die Menschen hier haben alle Hunde und für die gibt es eigenes Essen zu kaufen.“     jp


mittenimwaldQuelle: Eppsteiner Zeitung vom 17.06.2014

Auf zum Teil abenteuerlichen Fluchtwegen haben die jungen Eritreer Deutschland erreicht und warten im Haus Sandstein auf das Ergebnis ihrer Asylanträge.   Foto: Palmert-Adorff

Als die ersten Flüchtlinge Anfang März in der ehemaligen Pension Haus Sandstein ankamen, weigerten sie sich zunächst, aus dem Auto zu steigen. „So mitten im Wald wollten sie nicht wohnen“, erinnert sich Sozialarbeiterin Dagmar Holz.

Sie ist im Sozialamt des Kreises für rund 150 Flüchtlinge zuständig, auch für die 15 Menschen, die im Haus Sandstein leben. Inzwischen habe sich jedoch eine regelrechte Dorfgemeinschaft gebildet, hat sie festgestellt.

Möglicherweise liegt das auch daran, dass in dem abgelegenen Gebäude unterhalb des neuen Gewerbegebiets West nur Eritreer leben. In der Unterkunft für Asylbewerber in der Alten Schulstraße in Bremthal sei die Atmosphäre nicht so familiär. Dort leben bis zu 40 Menschen unterschiedlichster Nationalitäten. Weitere 46 Asylbewerber will der Kreis zum 1. August im ehemaligen Gasthaus „Schützenhof“ unterbringen.

Im Haus Sandstein sprechen zumindest alle die gleiche Sprache, tigrinisch, und haben die gleiche Kultur. So gibt es beispielsweise in der großen Gesprächsrunde Kaffee aus selbst gerösteten Kaffeebohnen.

Im Gespräch erzählen die jungen Afrikaner ihre Fluchtgeschichten. Da ist Lydia (Name von der Redaktion geändert). Die junge Mutter hatte ihren damals gerade einjährigen Sohn bei sich. Sie floh teils zu Fuß, teils mit Fahrzeugen in den Sudan, und traf sich dort mit ihrem Mann, der schon früher geflohen war.

In Eritrea wären sie und der Vater ihres Kindes wie fast alle jungen Menschen über 18 Jahre zum Militär gepresst worden, erzählt die junge Mutter, offiziell nur für wenige Monate der Grundausbildung. In der Realität kann der Militärdienst ein Jahrzehnt dauern, ohne Angabe von Gründen. Das Land befindet sich in einer Art dauerhaften Mobilmachung.

Ohne Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in ihrer Heimat nahm Lydia die Strapazen der Flucht auf sich. Offiziellen Schätzungen nach verlassen 2000 bis 3000 Eritreer pro Monat ihr Land. Laut Zahlen des UN-Flüchtlingswerks von 2011 sind weltweit über 252 000 Eritreer auf der Flucht. Bei 5,2 Millionen Einwohnern entspricht das fünf Prozent. Viele flüchten auf dem Landweg. In Israel, Äthiopien und sogar im unruhigen Sudan leben tausende Eritreer.

Dank des Geldes, das Verwandte und Freunde für sie gesammelt hatten, wählte Lydia den Weg nach Norden übers Mittelmeer. Vom Sudan aus durchquerte sie auf einem offenen Pickup die Sahara Richtung Tripolis. „Tagsüber fuhren wir in der sengenden Sonne“, berichtet Lydia auf englisch, „und mussten uns festhalten, um nicht vom Transporter zu fallen“. Den kleinen Sunny klemmte sie sich zwischen die Beine und hielt ihn so über Stunden fest. Und das tagelang. Doch es kam noch schlimmer, sagt die junge Frau. Die Flucht durch die lybische Wüste sei nichts im Vergleich zu den Tagen auf dem offenen Boot.

Rund 250 Passagiere versuchten auf einem klapprigen „Seelenverkäufer“ nicht über Bord zu gehen: „Wir drängten uns alle ins Bootsinnere und bewegten uns kaum, sonst wären die äußeren ins Meer gestürzt“, berichtet die junge Mutter. In Italien seien sie zwar alle registriert worden, um sie gekümmert hätten sich die Behörden nicht. Wie die meisten Flüchtlinge wollte Lydia nach Nordeuropa. Nach ihrer Ankunft in Bremthal kam ihr zweites Kind zur Welt.

Dagmar Holz kommt ein bis zweimal pro Woche nach Bremthal und bietet im Kreishaus dreimal wöchentlich eine offene Sprechstunde für Asylbewerber an. Viel Zeit für Hilfe im Alltag bleibt ihr nicht. Zusammen mit vier Kollegen und Kolleginnen, insgesamt 4,5 Stellen, betreut sie derzeit 565 Asylbewerber. Bis Ende Juni kommen weitere 90 hinzu. Die Zuweisung fürs zweite Halbjahr steht noch nicht fest.

Jede Woche kommen zwischen fünf und 15 neue Flüchtlinge aus dem Auffanglager in Gießen zum Kreishaus. Holz bringt sie in Sammelunterkünften, Pensionen oder – weil einige Kommunen zu wenige Häuser stellen – Hotels unter. Dann erklärt sie den Neuankömmlingen Hausordnung und technische Einrichtungen. „Viele wissen nicht, wie eine Zentralheizung oder Küchengeräte funktionieren“, sagt Holz.

Einwohnermeldeamt, Kontoeröffnung, Schulanmeldung für die Kinder sind die ersten Gänge, bei denen der Kreis noch hilft. Danach müssen die Menschen lernen, sich selbst zu organisieren, was, wie Holz sagt, trotz der Sprachprobleme meist auch gut funktioniert, denn zumindest die Landsleute seien untereinander sehr gut vernetzt. Einige sprechen immerhin englisch und helfen den anderen weiter.

Wichtige Treffpunkte sind beispielsweise das Café Asyl in Hattersheim und, für die Eritreer und andere Christen, sonntags der Gottesdienst in der orthodoxen Kirche in Frankfurt.

Dass sie sich allein die Fahrtkosten mit der S-Bahn bei den pro Person zugestandenen 320 Euro im Monat kaum leisten können, ist wiederum ein Problem, das die Sozialarbeiterin nicht lösen kann. Genauso wenig wie die katastrophale Verkehrsanbindung zum Haus Sandstein. An der abgelegenen Unterkunft gibt es nicht einmal eine Bushaltestelle. Der Weg nach Bremthal führt über die Bundesstraße und ist für Fußgänger verboten. Die jungen Männer fahren mit gespendeten Fahrrädern. Problematisch ist die Lage für Lydia, für die mit ihrem Doppelkinderwagen auch der Fußweg durch den Bauwald wegen seiner Schotterpiste zum fast unüberwindlichen Hindernis wird.

Zum Glück für die 15 Dauergäste hat sich kurz nach ihrer Ankunft ein Helferkreis in Eppstein gegründet. Den Anstoß gaben einige junge Männer aus der Unterkunft in der Schulstraße. „Sie standen vor einigen Wochen im Pfarrhaus in Alt-Eppstein und baten bei Pater Gaspar um Hilfe, weil sie deutsch lernen wollten“, erzählt Hilde Picard. Da sie für den Caritas-Ausschuss zuständig ist, landeten die jungen Männer mit ihrem Wunsch bei ihr. Innerhalb weniger Tage war ein privater Deutschkurs mit Gisela Rasper für die jungen Männer in der Schulstraße organisiert. Im Haus Sandstein unterrichten Janine und Wolfgang Passet. Inzwischen wurde ein Deutschkurs für Asylbewerber in Hofheim bewilligt.

Hilde Picard wurde aber auch in anderer Hinsicht aktiv: Sie rief zu Spenden auf. Fahrräder sind wichtig, da die Flüchtlinge kein Auto haben. Auch hat sie inzwischen knapp ein Dutzend Helfer an ihrer Seite, die mit den Asylbewerbern einkaufen, Arztbesuche machen oder bei den Asylverfahren und anderen Behördengängen zur Seite stehen.

Dieter Neuhaus aus Alt-Eppstein beispielsweise ist mehrmals in der Woche im Haus Sandstein oder in der Schulstraße. „Bei 15 Menschen gibt es eigentlich immer Fahrdienste zu erledigen“, sagt er. Dem 25-jährigen Michael (Name geändert) hat er beim Verfassen einer eidesstattlichen Versicherung über den Verlauf seiner Flucht geholfen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge drohte ihm die Ausweisung an. Dagegen hat der junge Mann mit Hilfe von Neuhaus und einem Anwalt Widerspruch eingelegt. Michael spricht zwar recht gut englisch, aber kaum deutsch. Trotzdem will er die Behörden davon überzeugen, dass sie sein Bleiberecht verlängern.

„Der Verein Miteinander-Füreinander und die Bürgerstiftung bezahlen das Unterrichtsmaterial, ein anderer Helfer hat einen Fußball organisiert“, freut sich Picard, denn Fußball ist der Lieblingssport der jungen Afrikaner. Im örtlichen Sportverein fühlen sie sich nicht willkommen, deshalb organisieren sie lieber Spiele untereinander. Manchmal treffen sie sich zum Bolzen auf dem Festplatz. Ein junger Mann trainiert jetzt beim FC Lorsbach. Lydia hat inzwischen gute Nachrichten erhalten. Ihrem Mann ist die Flucht geglückt. Er wartet im Auffanglager in Gießen darauf, dass er zu seiner Familie in den Main-Taunus-Kreis darf.

„Wir sind dringend auf ehrenamtliche Helfer angewiesen und freuen uns über das Engagement der Eppsteiner“, lobt Dagmar Holz die Initiative von Hilde Picard. Die Eppsteinerin will einen Helferkreis Asyl auf Stadtebene gründen. Unterstützt wird sie von den Kirchengemeinden. Am Donnerstag, 17. Juli, um 20 Uhr findet ein Treffen im Pfarrheim St. Laurentius in der Burgstraße statt. Elke Lentz vom evangelischen Dekanat Kronberg und Susanne Schuhmacher-Godemann vom katholischen Bezirksbüro Hofheim geben Anregungen, wie sich Hilfe gemeinsam organisieren lässt. Wer sich für den Helferkreis interessiert, kann sich an Hilde Picard wenden, E-Mail: hilde.picard@t- online.de.  bpa